DIE WACHPORT, das alte Rathaus in Filsen

von Alfred Neckenich

  • siehe auch: Ortsgemeinde/ Projekte/ Sanierung Wachport


aus dem Nachlass von Josef Nengel,
Schreinermeister und Ehrenbürger von Filsen,
geboren am 11. März 1893,
verstorben am 19. November 1992.


Das alte Rathaus in Filsen ist eines der wenigen noch erhaltenen Fachwerkhäuser, die über einem Torbogen erbaut wurden. Sein Fachwerk trägt die Jahreszahl 1611. Der Torbogen und der Unterbau dürften jedoch viel älter sein. Ein Wallgraben ging von hier außerhalb des Dorfes bis zum Rhein.
Von hier aus lief auch die einzige Fahrstraße nach Osterspai sowie der Fuhrweg über die Rheinhöhe, den schon die Römer benutzten. Mit dem Tor wurde das Dorf nachts abgeschlossen.

An das alte Bruchsteinwerk des Torbogens ist das Gemeindebackhaus angebaut. Von der Oberstraße führt eine breite Steintreppe zu einer Plattform, einst mit einem Wachhäuschen versehen, von wo aus die Dorf- und Ausfahrtstraßen beobachtet werden konnten. Der Nachtwächter hatte hier seinen Posten und machte nachts stündlich seine Runde durchs Dorf, wobei er mit Pfeifsignalen die Uhrzeit angab.

Die Wohnung über dem Torbogen war für den Schullehrer bestimmt. Auf dem II. Stock, der alte Rathaussaal, war bis 1881 der Schulsaal. Das Gebäude wird von daher im Dorf noch heute auch „die Hochschul“ genannt. Hier tagte jährlich am Faßnachtsdienstag auch die Nachbarschaft. Ein kleiner Raum hinter dem Saal diente als Archiv der Gemeinde. Wertvolle alte Bücher und Urkunden wurden hier aufbewahrt.

Der Torbogen, „die Wachport“ genannt, war immer der Sammelpunkt der Jugend. Stark beschädigt durch amerikanische Panzer, wurde er 1948 wieder erneuert.
An der Rathaustreppe saßen in alter Zeit abends auch die Alten auf einem Stamm, die „Schneidbank“ genannt und erzählten. Vor dem Torbogen in der Wegegabelung steht das Heiligenhäuschen „St. Margaretha“. Schon im Jahre 1712 erwähnt und erneuert, musste dasselbe 1933 schwer beschädigt abgerissen und weiter zurück wieder aufgebaut werden.

So ist das Alte Rathaus mit seiner Umgebung ein Denkmal früherer Zeit, das Wahrzeichen von Filsen, viel bewundert, gemalt und fotografiert worden.

 

Das alte Rathaus soll und lehren,
in Krieg und Not und schwerer Zeit
die Stürme mutig abzuwehren
wie es das tat zu jederzeit.
(Josef Nengel)

 


 

 


aus:    

„Fachwerkbauten im Ortsbild am Mittelrhein“
    von Herbert Nebel
    Arbeitskreis für Theorie und Lehre der
    Denkmalpflege e.V. München 1978


„Filsen, rechtsrheinisch, am Scheitel des engen Rheinbogens, 2 Kilometer vor Osterspai, ist eine Dorfgemeinde mit 513 Einwohnern. Im Raumordnungsplan wurde der Ort dem Kleinzentrum Braubach zugeordnet. Diese kleine Gemeinde hat eines der originellsten deutschen Rathäuser. Als zweigeschossiger Fachwerkbau wurde es 1611 auf einem ins Hintergelände führenden massiven Torbau der Ortsbefestigung errichtet. Eine Rampentreppe führt zum bergseitigen Giebeleingang.


Das freistehende Gebäude mit einem kleinen, ortsseitigen Winkelanbau kragt an den Traufseiten etwas, an den Giebeln kaum aus. Der freie, bergseitige Giebel hat einen Krüppelwalm, an der Talseite ist das Dach walmartig auf den Winkelbau heruntergezogen. Die Gesimse an den Traufseiten sind breit profiliert und bestehen aus Rähm, Balken und Schwelle. Die Balkenköpfe sind mit einem Stirnbrett (Sose) in rheinischer Art verschalt. Durch Verzicht auf die Schwelle sind die Gesimse am Giebel schmaler. Die Traufansicht über der Toraußenseite ist am stärksten gegliedert. Für die Sicherung der Eck- und Bundständer wurde der wenige Jahrzehnte vorher entwickelte Mann eingebaut. In den Brüstungsfeldern des unteren Geschosses sind gegenläufige, nasenbesetzte geschweifte Streben; im Obergeschoss einfach Kreuzstreben eingebaut. Über dem Brustriegel sind im Obergeschoss ebenfalls zwei Kreuzstreben sichtbar, die den Halsriegel überschneiden. Diese seltene Strebefigur wurde in der Post in Bacharach sowie in Braubach und Oberlahnstein nachgewiesen.

Die Traufseite zum Dorf hat nur in den Endfeldern in Verbindung mit den halben Männern Halsriegel. Dünne Hölzer deuten auf Umbauarbeiten. Die Fenster sind allseitig bis zum Rähm geführt. Für die spätere Nutzung des Gebäudes als Schulhaus war dies vorteilhaft. Brüstungszierhölzer der Talseite und es dortigen Flügelanbaus sind unorganisch ins Gefüge geordnet und wahrscheinlich aus späterer Zeit.


Im bergseitigen, fensterlosen Giebel laufen die beiden Ausriegelungen noch unversetzt durch. Die große Ladeöffnung im Giebeldreieck wurde ausgefacht. Für das bescheidene, durch seine Lage beachtenswerte Rathaus, das zeitweise als Schulhaus und Lehrer-wohnung diente, ist eine sinnvolle Nutzung in dieser kleinen Dorfgemeinde kaum vorstellbar.
Historische Bausubstanz dieser Art, die andernorts belebende Attraktion des Fremdenverkehrs ist, bedarf in dieser abseitigen Lage des Schutzes regionaler Behörden und der Unterstützung des Landes. Die Dorfgemeinschaft ist mit der Erhaltung des ungenutzten Gebäudes überfordert. Ein sinnvoller Nutzungswandel sollte trotz peripher Situation angestrebt werden.


„Das alte Rathaus von Filsen“

von Josef Nengel, 1968


Das schönste Haus in unserm Ort,
das Rathaus ist`s mit der Wachport,
auf dem Bogen mit der steinern Trepp,
ragst hoch hinauf, übers Filser Eck.

Die Wachport in Filsen wirst du genannt,
als Hochschul bist du hier bekannt,
das Gemeindebackes neben dir,
das all zu unsers Dorfes Zier.

Einst blies ein Wächter hier die Stund,
auch gab er Feuer und Wasser kund,
am Tor auch heut noch viele stehn,
doch durch die Wachport muss alles gehen.

Mein Backes, ach das ist so alt,
hier machten schon die Römer halt,
gar mancher hat sich hier gewärmt,
hier Brot geholt von seiner Ernt.

Auf steiler Trepp die Jugend stieg,
zur Schule hoch, einst königlich,
zu lernen und zu schauen da,
dort oben viel zu sehen war.

Ums Rathaus und die Schul da oben,
gar oft auch schwere Stürme tobten,
getrotzt hast du in langer Zeit,
als Zeuge der Vergangenheit.

Gedient hast du dem Gemeinderat,
dein Saal auch heut noch Würde hat,
hier tagte einst die Nachbarschaft,
der Bürger fand hier Rat und Kraft.

Alt Rathaus, Backes und Wachport,
als Zier des Dorfes steht ihr dort,
der Wanderer und Maler Ziel,
du altes Haus sagst uns gar viel.


Wachport ist seit 400 Jahren Dorfmittelpunkt


Historie

1611 erbauten die Filsener eines der schönsten Rathäuser am Mittelrhein

aus: Rhein-Lahn-Zeitung vom Freitag, 15. Juli 2011


Von Alfred Neckenich

Filsen. Es waren unruhige und unsichere Zeiten, als die Bewohner des Rheindörfchens Filsen Anfang des 17. Jahrhunderts den Entschluss zur Errichtung eines Rathauses fassten. Die eigentlichen Gründe für diesen Bau sind allerdings ebenso wenig überliefert wie der Nachweis, auf welchem Wege die damals etwa 400 Einwohner die Kosten für das stattliche Bauwerk aufbrachten. Unklar ist bis heute zudem, ob im Jahre 1611 das komplette zweistöckige Gebäude errichtet wurde, oder ob man die wunderschöne Fachwerk-konstruktion auf das bereits vorhandene Tor der dörflichen Umwehrung aufgestockt hat. Der 1992 im Alter von 99 Jahren verstorbene Ehrenbürger und jahrzehntelange Gemeinderechner von Filsen, Josef Nengel, schreibt in seinen Überlieferungen, dass das Tor und der Unterbau des Rathauses aus der Zeit vor 1611 stammen.

Aus Überlieferungen und der Fachliteratur weiß man, dass auch das kleine Dörfchen Filsen im ausgehenden Mittelalter befestigt war. Von der Wachport aus bis zum Rhein sicherte ein Graben mit aufgeschüttetem Wall das Dorf in Richtung Osterspaier Gemarkung, bergseits bildete offensichtlich eine Palisadenwand bis zu den Felsen der steil abfallenden Filsener Ley den Schutz, und die Längsseite des Dorfes war durch den Rhein abgesichert. Von der Wachport aus führten bis zum Bau der Rheinuferstraße Anfang der 30er-Jahre des vorigen Jahrhunderts auch der Fahrweg nach Osterspai und der alte, vermutlich bereits aus der Keltenzeit stammende Fuhrweg über die Haardt zu den Höhendörfern und dem Handelsweg nach Frankfurt. Die Menschen in den Städten und Dörfern am Rhein verstärkten ihre Umfriedungen damals jedoch nicht nur aus Angst vor Dieben und Räubern. Durch einen kontrollierten Zugang wollte man auch der Ausbreitung von Seuchen, im Besonderen der vermehrt auftretenden Pest, entgegenwirken.


Eines der „originellsten“ deutschen Rathäuser

Ob die Schutzeinrichtungen für das Dorf auch den im Dreißigjährigen Krieg umherziehenden Söldnern standhalten konnte, ist nicht bekannt. Die Belege aus den benachbarten Dörfern und der Stadt Boppard lassen jedoch den Schluss zu, dass auch Filsen von dem Leid und den Nöten dieser Zeit nicht verschont blieb. Aus dieser Zeit und der Funktion des Gebäudes ist sicherlich auch der Name Wachport (Port = umgangssprachlich für Pforte oder Tor) entstanden.
Der Autor Herbert Nebel vom Arbeitskreis für Theorie und Lehre der Denkmalpflege nennt in seinem Werk „Fachwerkbauten im Ortsbild am Mittelrhein“ die Wachport als eines der „originellsten“ deutschen Rathäuser. Aus fachlicher Sicht beschreibt er die unterschiedlichen Konstruktionen, von denen einige offensichtlich erst kurze Zeit vor dem Bau entwickelt und bis dahin selten angewandt worden waren und nur in der „Post“ in Bacharach sowie in Braubach und Oberlahnstein nachgewiesen sind.
Über die Verwendung des Gebäudes geben verschiedene Belege aus der Filsener Geschichte umfassend Auskunft. Im Wesentlichen befasst sich die „Schulchronik über die wichtigsten Ereignisse der ersten Elementarschule zu Filsen, von dem zeitlichen Schullehrer Weber zu Filsen geführt ab dem 4ten Januar 1821“ mit dem Gebäude. In seiner Einleitung bezieht sich Lehrer Weber auf die „ältesten erfragenden Nachrichten“ aus dem Jahre 1743 und beschreibt das Rathaus als Schulgebäude, „in welchem die Ältesten dahier in die Schule gegangen sind“. Im unteren Stock befand sich seinerzeit das Gemeinde-Backhaus, die kleinen Zimmer über dem Torbogen waren dem Lehrer als Wohnung gegeben, und in dem kleinen Saal im zweiten Stock wurde der Unterricht erteilt. Daher reden die alten Filsener verschiedentlich auch heute noch von der „Hochschul“.


Maroder Zustand „spottet jeder Beschreibung“

Zum Schuljahr 1819/1820 schreibt Lehrer Weber: „Die Zahl der Schüler ist 80 Kinder stark und begreift die Kinder von 6 bis 14 Jahren, die Kinder sind nicht nach dem Geschlecht, sondern nach den Classen eingetheilt. Männlichen Geschlechts sind 43, weiblichen Geschlechts sind 37.“ Die Schulchronik befasst sich in den folgenden Jahrzehnten immer wieder mit dem maroden Zustand des Gebäudes und der dürftigen Ausstattung der Schule, was auch auf die wirtschaftliche Notlage der Gemeinde schließen lässt. Für das Jahr 1842 schreibt der Lehrer Wilhelmi: „Wegen der stets zunehmenden Gebrechlichkeit des ganzen Hauses, das vielleicht schon 300 Jahre steht und die Wachport genannt wird, indem es über die Straße erbaut ist, wird das Bedürfnis nach einem neuen Schulhause immer dringender“. Und der Lehrer Litzinger bemerkt 1871 zum Zustand des Schulhauses: „Sehr schlecht, spottet jeder Beschreibung.“
Am 13. Januar 1873 schließlich konnte der Schulbetrieb in ein neues Gebäude in unmittelbarer Nachbarschaft zur Wachport verlegt werden. Lehrer Litzinger drückt in der Schulchronik seinen Dank aus und bemerkt: „Mit frohem Herzen wurde diese Anweisung begrüßt und nicht alleine von dem Lehrer, nein von allen redlich Denkenden! Endlich war der erste Schritt zu dem geschehen, worauf sich so mancher Lehrer dahier gesehnt, um das soviel gesprochen, geschrieben und gestritten wurde. Möchte diesem bald die gänzliche Beseitigung der dermaligen Kamalitaet ein neuer Schulsaal in dem Haus No. 17 folgen und die alte Bude No. 7 ihren Namen ,Wachtpforte' wieder zurückerhalten, denn den Namen einer Schule hat sie nie verdient.“
In den folgenden Jahrzehnten wurde der Saal im zweiten Stock wieder für Sitzungen der Ratsvertretung genutzt, die kleinen Räume im ersten Stock dienten als Wohnung. Josef Nengel schildert in seinen Niederschriften und Gedichten über das Leben in Filsen die soziale Funktion der Wachport. Er schreibt, dass die vor dem Zugang im ersten Stock vorhandene Plattform früher mit einem Wachhäuschen versehen war, von wo aus der Nachtwächter seine Runden durchs Dorf startete. Um die Wachport versammelten sich abends Jung und Alt. Die Alten, so Nengel, saßen dabei vornehmlich auf einem dicken Stamm, der „Schneidbank“, und tauschten sich über die Erlebnisse des Tages aus. Die Jungen starteten von dort aus ins Dorf zu allerlei Schabernack und Streichen. Einmal im Jahr, am Fastnachtsdienstag, versammelten sich alle männlichen Mitglieder der Filsener Nachbarschaft im Rathaussaal zu einem gemeinschaftlichen Essen.


Fachwerkkonstruktionen waren in Mitleidenschaft gezogen

Auch in den zurückliegenden Jahrzehnten diente die Wachport der Gemeindeals Rathaus, die kleinen Räume im ersten Obergeschoss wurden vorübergehend als Ferienwohnung genutzt. Bedingt durch Witterungs- und Umwelteinflüsse und eine in Teilen misslungene Sanierung Anfang der 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts war jedoch eine weitere Nutzung des Gebäudes nicht mehr möglich. Tragende Fachwerkkonstruktionen waren so arg in Mitleidenschaft gezogen und geschwächt, dass die Statik in Frage zu stellen war.
Die Gemeinderäte von Filsen unter Leitung von Bürgermeister Berthold Dorweiler haben sich in den zurückliegenden Jahren um den Erhalt dieses ortsbildprägenden Gebäudes bemüht. Letztlich konnte dank der maßgeblichen Unterstützung des Innenministeriums, der Generaldirektion Kulturelles Erbe sowie dem Zweckverband Oberes Mittelrheintal die neuerliche Sanierung in Angriff genommen werden. Die Entscheidungsträger von Filsen sind sich der Verantwortung für dieses historisch wertvolle und auch im Weltkulturerbe Oberes Mittelrheintal in seiner Art herausragende Objekt bewusst.