Fotos: private Fotosammlung Alfred Neckenich


Filsener Bahnhof über Kopfsteuer finanziert

Historie - Vor 60 Jahren stand Hans Wirges, Landrat des Kreises
St. Goarshausen, Pate für das Projekt


aus: Rhein-Lahn-Zeitung vom Freitag, 12. Oktober 2012, von Alfred Neckenich

 Filsen. Als Herzog Adolph von Nassau am 22. Februar 1862 die zunächst eingleisig geführte Strecke der Nassauischen Rheintalbahn zwischen Wiesbaden und Oberlahnstein feierlich ihrer Bestimmung übergab, da gehörten die 470 Einwohner des kleinen Rheindörfchens Filsen zu den Verlierern dieses gewaltigen Projektes.

Ohne Rücksicht auf die Belange der Bevölkerung wurden Häuser, Scheunen und Stallungen niedergerissen und das Dorf brachial geteilt. Filsen war für die damalige Zeit und die Nassauische Rheintalbahn so unbedeutend, dass nicht einmal eine Haltestelle oder gar ein Bahnhof errichtet wurde. Wer mit dem Zug fahren wollte, der musste zum Bahnhof Osterspai gehen.

Als im Zuge des Niedergangs des Weinbaus Ende des 19. Jahrhunderts mehr und mehr Filsener ihren Haupterwerb in einem der Industriebetriebe in Braubach und Lahnstein fanden, wandte sich die Gemeinde an die „Königliche Eisenbahndirektion Frankfurt“ mit dem Ersuchen, endlich auch in Filsen einen Bahnhof bauen zu wollen. Bereits im Jahre 1890 hatten die Planungen für einen Eisenbahnhaltepunkt in Filsen so weit konkrete Gestalt angenommen, dass man sogar schon die Bausumme mit 7200 Mark veranschlagen konnte. Aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen verzögerte sich das Projekt jedoch und wurde später dann ganz aufgegeben.


Schwierige Finanzierung
Die Neuausrichtung des Dorfes nach Ende des Zweiten Weltkriegs gestaltete sich für Filsen zunächst recht schwierig. Doch die nach 1945 rasch einsetzende Nachfrage nach frischem Obst bot dem Dorf Chancen. Man belebte den während der letzten Kriegsjahre wegen fehlender Arbeitskräfte vernachlässigten Obstanbau, und bald glich die Filsener Gemarkung bis in den letzten Zipfel wieder einem mustergültigen Obstgarten. Die auf dem Markt erzielten Erlöse für die ersten Ernten ließen hoffen. Hinzu kam, dass auch der regionale Arbeitsmarkt mehr und mehr Stellen bot, und bald pendelten auch aus Filsen wieder Menschen regelmäßig zu ihrer Arbeitsstelle nach Lahnstein oder Koblenz.

Diese Entwicklung inspirierte den damaligen Filsener Bürgermeister Josef Valentin Dorweiler, der die Chance einer weiteren wirtschaftlichen und sozialen Stabilisierung nur in der Schaffung und dem Betrieb einer eigenen Bahnhaltestelle sah. Dorweiler erörterte seine Ideen mit dem seit 1947 in Filsen wohnenden Hans Wirges (geboren 1889 in Altenkirchen, verstorben 1956 in Niederlahnstein), dem damaligen Landrat des Kreises St. Goarshausen. Über den Landrat wurden dann auch die ersten Kontakte zur Deutschen Bundesbahn geknüpft. Sehr bald zeichnete sich jedoch ab, dass die Finanzierung eines derartigen Projektes, man war anfangs von einem Kostenvolumen von circa 30 000 D-Mark ausgegangen, die eigentliche Herausforderung darstellte.

So sah man in Filsen nur die Möglichkeit, die notwendigen Barmittel selbst über eine allgemeine Umlage aufzubringen. Für den 23. Januar 1951 hatte die Gemeindeverwaltung eigens zu diesem Thema zu einer Bürgerversammlung eingeladen. Die insgesamt 143 erschienenen Bürger bekundeten einstimmig durch ihre Unterschrift die Zustimmung zum Bau einer Haltestelle und erkannten folgende Bedingungen an:

  • Für das Entladen der erforderlichen Erdmassen zur Anlegung der Bahnsteige wird jeder männliche Einwohner vom 16. bis 65. Lebensjahr verpflichtet.

  • Diejenigen männlichen Arbeiter im vorgenannten Alter, die aus irgendeinem Grunde an dieser Arbeit nicht teilnehmen können, erklären sich bereit, für die Pflichtarbeitszeit eine entsprechende Zahlung zu leisten. Diese Gelder müssen an die Gemeindekasse eingezahlt werden.

  • Zur Aufbringung der Zinsen und Abtragung des Kapitals wird jeder Einwohner herangezogen.

Die noch heute in Filsen als Kopfsteuer bezeichnete Abgabe wurde erstmals für das Jahr 1952 in Höhe von 10 D-Mark pro Kopf erhoben. Hatte sich die Mehrheit der Dorfbevölkerung bis dahin mit dieser Abgabe weitestgehend einverstanden erklärt, so führte die Zustellung der ersten Bescheide im Sommer 1952 teilweise zu erheblichem Unmut. Erfolgte bei Außenständen nach Mahnung kein Zahlungseingang, so hatte sich ein eigens eingesetzter Ausschuss mit den Einlassungen oder den grundsätzlichen Zahlungsverweigerungen zu beschäftigen. Vielfach wurden die Forderungen nach Darlegung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse niedergeschlagen, ansonsten wurden sie fortgeschrieben und summiert.


Baukosten betrugen 63 000 D-Mark
Die Baukosten für die Haltestelle beliefen sich auf insgesamt 63 026 D-Mark, davon wurden 14 140 D-Mark über die Kopfsteuer aufgebracht. Die Mehrheit der Filsener Bevölkerung trug das Vorhaben mit, und so war das ganze Dorf stolz, als am 4. Oktober 1952 die erste Haltestelle in Filsen in Betrieb genommen werden konnte. Der damalige Pfarrer Josef Menges trug in die Pfarrchronik ein: „Am 4. Oktober 1952 wurde die Bahnhofstelle in Filsen mit fünf Zugpaaren pro Tag und vom 17. Mai 1953 mit neun Zugpaaren am Tag dem Verkehr übergeben unter Musik und Gesangsvorträgen des Kirchenchores, Gedichten und Reden des um die Errichtung der Haltestelle sehr verdienten Landrates H. K. Wirges und des Bürgermeisters Josef Valentin Dorweiler.“

Unser Autor Alfred Neckenich beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Filsener Geschichte.